Höfe neu beleben
Das Thema der Hofübergabe begleitet die Österreichische Bergbäuerinnen- und Bergbauernorganisation ÖBV-La via campesina schon länger. Auch vielen Bäuerinnen und Bauern brennt die Frage unter den Nägeln, wie es nach ihrer Pensionierung mit dem Hof weitergehen soll; das hat unter anderem auch das rege Interesse an ihren Hofübergabeseminaren gezeigt. Neben der klassischen Übergabe an Söhne und Töchter oder andere Verwandte beschäftigt die ÖBV immer öfter eine weitere Möglichkeit: die Weitergabe des Hofes an Menschen außerhalb der Familie.
Von Andrea Heistinger und Irmi Salzer
Im Lebenszyklus eines Familienbetriebes kommt die Phase, in der die ältere Generation weniger arbeiten kann oder will und auch weniger Verantwortung tragen kann oder will. Also zu dem Moment, wo jüngere Hände die Arbeit übernehmen und jüngere Köpfe sich über die weitere Entwicklung des Betriebes Gedanken machen können und sollen. Meist sind das die eigenen Kinder. Es gibt aber auch Situationen, in denen diese den Hof nicht übernehmen können. Sei es, weil die HofübergeberInnen kinderlos sind, sei es, weil die Kinder beruflich einen anderen Weg eingeschlagen haben oder für sich keine Perspektive in der Landwirtschaft sehen. Laut aktuellen Zahlen aus Deutschland ist auf 2/3 (!) aller landwirtschaftlichen Betrieben die Hofnachfolge nicht gesichert oder gar kein Nachfolger/keine Nachfolgerin in Sicht. Aus diesem Grund beschäftigt sich die gemeinnützige Zukunftsstiftung Landwirtschaft in Deutschland mit diesem Thema und bietet konkrete Vermittlungsangebote an.
Auf der anderen Seite wollen immer mehr Menschen in die Landwirtschaft "einsteigen";. Viele von ihnen sind junge, sehr gut ausgebildete LandwirtInnen. Bei der Aktionskonferenz "Wir schaffen ein nachhaltiges Lebensmittel- und Agrarsystem" Ende November in Freistadt formierte sich zum Beispiel eine Gruppe junger Menschen, welche die "Lebensform Landwirtschaft&" (vgl. Loibl 2009) als gesellschaftlich und persönlich erstrebenswerte Perspektive wahrnehmen. Unter ihnen sind auch Töchter und Söhne von BäuerInnen, die den elterlichen Hof übernehmen und neue bzw. andere Formen des Zusammenlebens und der Arbeitsorganisation anfangen wollen. Auch auf europäischer Ebene haben sich junge Leute zusammengeschlossen, um ihre Vorstellungen einer solidarischen und gemeinschaftlichen Neu- & Wiederbelebung von Höfen zu verwirklichen. So wie den ÖsterreicherInnen geht es auch der europäischen Gruppe "Reclaim the fields" auch um die (Wieder)-Eroberung der Landwirtschaft als Lebenskonzept abseits von Profitmacherei und Wachstumszwängen.
In ihrer Diplomarbeit "Lebens(t)raum Biobauernhof. Alternative ländliche Lebensformen im Kontext von Bäuerlichkeit und Subsistenzorientierung" beschäftigte sich Petra Obojes mit der Frage was Menschen in landwirtschaftliche Lebensformen führt, was für Motive und Werthaltungen sie dabei leiten. Erwartungen, Herausforderungen, Schwierigkeiten, Abgrenzungen, Ausgrenzungen, das sind Themen, die aufgetaucht sind (Obojes 2009). Menschen, die sich auf den Weg machen, Landwirtschaft anders leben und arbeiten zu wollen, sind mit einer Vielzahl von Fragen konfrontiert. Um sich Antworten annähern zu können, um Entscheidungen treffen und den vielfältigen Herausforderungen begegnen zu können, braucht es die Auseinandersetzung mit diesen Fragestellungen. Es braucht aber auch Austausch und die gegenseitige Unterstützung. Kathrin Schickengruber, die sich in ihrer Diplomarbeit mit NeueinsteigerInnen beschäftigt hat und nun selbst in einem Hofkollektiv in der Steiermark lebt, formulierte das so: "Deshalb find ich es wichtig, dass wir uns gegenseitig Mut machen, das ist gut und ich will, dass andere wissen, dass es gut ist. Es braucht eine Politik von unten, eine Politik der Ermutigung" (Schickengruber, 2006).
Mit einer Hofbörse (http://www.viacampesina.at) stellt die NGO La via campesina ein Werkzeug zur Verfügung, mit dem Menschen, die Höfe suchen, an Menschen herankommen, die Höfe weitergeben wollen - und umgekehrt. Doch mit der eher technischen Vermittlung zwischen Suchenden und Bietenden ist es nicht getan. Deswegen veranstalten wir Ende Februar 2010 ein Seminar, das ein erster Freiraum dazu sein soll, sich den zahlreichen Fragen anzunähern. Welche Formen der Arbeitsorganisation wie auch des Zusammenlebens auf dem Hof und der Neuorganisation von Eigentumsfragen sind möglich? Welche Formen bewähren sich bereits seit vielen Jahren? Oder anders gesagt √ welche Möglichkeiten gibt es, den Hof als Arbeits- und Lebensform weiter zu führen anstatt den Weg der Hofaufgabe oder des Verkaufs zu gehen? Damit diese Wege sichtbar werden, braucht es aktive Auseinandersetzung, Gestaltungswillen und Mut. Beim Seminar sollen sowohl konkrete Fragen der Hofübergabe an familienfremde Personen zum Thema werden, wie aber auch "Übergangsformen", im Sinne einer Einbeziehung familienfremder Menschen in den Hof. Es sollen sowohl potentielle ÜbergeberInnen als auch potentielle ÜbernehmerInnen Raum für ihre Gedanken und deren Austausch finden.
Andrea Heistinger und Irmi Salzer
Literatur und Infos:
Elisabeth Loibl: Zwischenbericht "Lebensform Landwirtschaft", 2009
Obojes, Petra: Lebens(t)raum Biobauernhof √ Alternative ländliche Lebensformen im Kontext von Bäuerlichkeit und Subsistenzorientierung, 2007
Schickengruber, Katrin: Perspektiven schaffen wir uns selber! Subsistenzkultur schafft
Handlungsfreiräume auf kleinbäuerlichen Hofwirtschaften von
EinsteigerInnen - dargestellt an Beispielen im Südburgenland, der
Steiermark und Kärnten, 2006
Zukunftsstiftung Landwirtschaft: Höfe gründen und bewahren. Ein Leitfaden für außerfamiliäre Hofübergaben und Existenzgründungen in der Landwirtschaft, 2008.
Der Bericht sowie beide erwähnte Diplomarbeiten können im ÖBV-Büro entlehnt werden.
Kontakt zur europäischen Gruppe: http://www.reclaimthefields.org
Hofbörse in Deutschland: http://www.hofgruender.de
Kontakt zu der Gruppe, die sich in Freistadt formiert hat, ist über das ÖBV-Büro möglich.
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