Bäuerliche und Gärtnerische Pflanzenzüchtung ˆ Erhaltung durch Nutzung
Andrea Heistinger
Freiberufliche Agrarwissenschafterin und Erwachsenenbildnerin, Stellvertr. Obfrau von Arche Noah
Obere Straße 30, A-3553 Schiltern
Einleitung
Die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt durch ihre Nutzung ist seit Gründung des Vereins Arche Noah ˆ Gesellschaft zur Erhaltung und Verbreitung der Kulturpflanzenvielfalt ˆ Aufgabe und Inhalt der Vereinstätigkeit. Im dreizehnjährigen Bestehen des Vereins haben sich zahlreiche Beispiele entwickelt, wie eine Nutzung, die mit einer Auslese, Erhaltungszüchtung oder Weiterentwicklung der Sorten verbunden ist, aussehen kann. Im Folgenden werden Geschichte, Struktur und Tätigkeitsbereiche des Vereins Arche Noah kurz porträtiert und vier Projekte vorgestellt:
Die Erhaltung von Kulturpflanzenvielfalt durch:
Erhaltungszüchtung > Biologisches Saatgut von Sortenraritäten
Nutzung > Vermarktung von Sortenraritäten
Wissensweitergabe > ≥Lehren und Lernen in Gärten von Bäuerinnen„
Wissensdokumentation > Handbuch Samengärtnerei
Kurze Geschichte des Vereins Arche Noah
Der Verein wird im Jahr 1990 von interessierten und besorgten HausgärtnerInnen, Bauern und Bäuerinnen (vor allem biologisch wirtschaftenden) gegründet. Sie beginnen aus eigener Initiative mit der Erhaltung vieler älterer, zunehmend gefährdeter Handels- und Lokalsorten. Sie bauen die Sorten in ihren Gärten an, vermehren die Sorten und tauschen das Saatgut untereinander aus. Viele haben das Verschwinden von Sorten vom Markt und aus den Gärten selbst erlebt. Nicht nachbaufähige Hybridsorten ersetzen bei vielen Kulturarten zunehmend die alten, samenfesten Sorten. Im Jahr 1992 wird mit der Sammlung samenfester Sorten (ehemalige Handelssorten, Lokalsorten und Landsorten) begonnen. Im Jahr 1995 wird der Schaugarten der Arche Noah in Niederösterreich eröffnet. Er dient zur Vermehrung der Sammlung, als Präsentationsfläche für den Verein und als Schaufläche für Kulturpflanzenvielfalt. Im Jahr 2003 hat der Verein über 6.000 Mitglieder, im Arche Noah Sortenarchiv werden 6.500 alte Handelssorten, Lokalsorten und Landsorten erhalten und im Vermehrungsgarten zyklisch vermehrt.
Tätigkeitsbereiche von Arche Noah
Im Zentrum der Tätigkeiten stehen das Sortenarchiv und der Vermehrungsgarten. Über 6.000 Herkünfte von Kulturpflanzen werden erhalten (Gemüse, Kartoffeln, landwirtschaftliche Kulturarten)
Die Vermehrungsarbeit am Standort Schiltern wird unter der tatkräftigen Mithilfe von zahlreichen ehrenamtlich tätigen PraktikantInnen durchgeführt. Parallel dazu werden die Sorten von den Mitgliedern on farm und in garden angebaut. In diesem Netzwerk der ErhalterInnen sind 150 VielfaltsgärtnerInnen aktiv. Sie erhalten die Sorten, welche sie für die Selbstversorgung oder/und die Vermarktung anbauen, auslesen und vermehren. Gärtnerische Nutzung und züchterische Bearbeitung der Sorten finden so an vielen Orten gleichzeitig statt. Das Saatgut, das die Mitglieder in den Gärten vermehren, wird im jährlich erscheinenden Sortenhandbuch angeboten. (2004: 240 Seiten, Auflage 8.500 Stück). Es werden ausschließlich Sorten ≥Pflanzengenetischer Ressourcen„ und keine Handelssorten angeboten. In Kooperation mit den Mitgliedern finden auch zahlreiche Veranstaltungen statt: Zwei zentrale, jährlich stattfindende Veranstaltungen sind der Pflanzentausch- und verkaufsmarkt am 1.Mai und das Gartenfest der Vielfalt Ende August, bei dem Bauern und Bäuerinnen ihre Früchte und veredelte Produkte vorstellen und vermarkten. Darüber hinaus ist Arche Noah in der Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit tätig: MitarbeiterInnen bieten regelmäßig Seminare zur Erhaltung und Nutzung alter Kulturpflanzen und zu Grundlagen der Saatgutgewinnung an. Arche Noah publiziert das Arche Noah Magazin und organisiert Veranstaltungen und Sortenausstellungen.
Vier Projekte ˆ vier Beispiele zur Erhaltung durch Nutzung:
1. Erhaltung durch Erhaltungszüchtung: Biologisches Saatgut von Sortenraritäten
Dieses Projekt ist eine Kooperation zwischen Arche Noah und der biologischen Saatgutfirma ReinSaat. Gemeinsam wurden 27 Sortenraritäten ausgewählt und als ≥conservation varieties„ zur Anmeldung gebracht. Vermehrung, Erhaltungszüchtung und der Vertrieb liegen bei der Firma ReinSaat und ihren Partnerbetrieben. Das Saatgut dieser Sorten ist im Jahr 2004 erstmals im Handel (Versand und Detailhandel) erhältlich. Es ist geplant das Sortiment kontinuierlich zur erweitern.
Kontakt: Beate Koller und Ernst Schmiedhofer.
2. Erhaltung durch Nutzung: Vermarktung von Sortenraritäten
Seit zwei Jahren führt Arche Noah ein Projekt zur Vermarktung von biologischen Sortenraritäten in Kooperation mit Biobauern und -bäuerinnen, die ihre Produkte direkt vermarkten, durch. Biobauern und -bäuerinnen werden zu Anbau und Vermarktung von Sortenraritäten beraten. Ziel ist es, Schnittstellen zwischen den Bauern/Bäuerinnen auf der einen Seite und der Gastronomie bzw. EndverbraucherInnen auf der anderen Seite zu schaffen. Dazu wird von Arche Noah Presse- und Medienarbeit durchgeführt sowie zahlreiche Verkostungen von Sortenraritäten veranstaltet. 2002 wurde eine Broschüre (Der ≥Vielfalter„) veröffentlicht, welche die ProduzentInnen und ihre Produkte aus Sortenraritäten vorstellt. Im Jahr 2004 wird eine Internetplattform eröffnet, die ein virtuelles Netzwerk zwischen den Bauern/Bäuerinnen und den EndverbraucherInnen schafft (http://www.arche-noah.at/Vielfalter). Das Projekt wird vom Österreichischen Landwirtschaftsministerium gefördert (BMLFUW). Die Projektkoordination liegt bei Ernst Schmiedhofer.
3. Erhaltung durch Wissensweitergabe: ≥Lehren und Lernen in Gärten von Bäuerinnen„
An der Fachschule für Obst-, Wein- und Gartenbau Laimburg wird seit einem Jahr das Weiterbildungsprojekt ≥Kulturpflanzenvielfalt und Südtiroler Landsorten„ durchgeführt. An der Weiterbildung nehmen 28 Bäuerinnen teil. Konzeption und Koordination des Projektes liegen bei Andrea Heistinger. Die Weiterbildung erstreckt sich über einen Zeitraum von zwei Jahren und umfasst 108 Stunden. An der Weiterbildung nehmen einige Bäuerinnen teil, die seit vielen Jahren Südtiroler Landsorten und andere bewährte, samenfeste Sorten vermehren. Andere Bäuerinnen eignen sich im Rahmen der Weiterbildung das Wissen zu Vermehrung und Nutzung der Sorten an. Lehrziele der Weiterbildung sind: Kennenlernen von Gemüseraritäten und Südtiroler Landsorten und ihrer Vermehrung. Erhaltung von Südtiroler Landsorten On farm und In Garden. Verfügbarmachen von Landsorten für bäuerliche Hausgärten und den Gemüsebau in Südtirol. Ein großer Teil der Weiterbildung findet direkt auf en einzelnen Höfen und in den Gärten der Teilnehmerinnen statt. Das Projekt wird vom Europäischen Sozialfonds (ESF) finanziert. Ansprechpartnerin: Andrea Heistinger
4. Erhaltung durch Wissensdokumentation: Handbuch Samengärtnerei
Das Handbuch zur Vermehrung und Auslese von Gemüsearten wurde in den vergangenen zwei Jahren von Arche Noah gemeinsam mit Pro Specie Rara (in Kooperation mit VEN e.V. und Dreschflegel e.V.)erarbeitet. Das Erfahrungswissens der VielfaltsgärtnerInnen von Arche Noah und Pro Specie Rara ist in übersichtlichen Anleitungen zur Vermehrung der einzelnen Gemüsearten zusammengefasst. Das Buch füllt damit eine Lücke am deutschsprachigen Buchmarkt und macht Erfahrungswissen zu Vermehrung, Auslese und züchterischen Bearbeitung von samenfesten Sorten einem breiten Publikum verfügbar. Ansprechpartnerin: Andrea Heistinger
Resümee
I) Kulturpflanzenvielfalt ist durch die züchterische Tätigkeit von Bauern und Bäuerinnen und Gärtnern und Gärtnerinnen entstanden und wird von ihnen aktiv weiterentwickelt.
II) Die züchterische Tätigkeit kann in den Erwerbsgemüsebau und in den Gemüsebau zur Selbstversorgung eingebunden werden.
III) Die dezentrale Nutzung der Kulturpflanzen bietet einen hohen Grad an Sicherheit bei der Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt. Nutzung, verbunden mit Nachbau und Auslese, ist wichtig für die Erhaltung der besonderen Eigenschaften wie Robustheit, Geschmack & Formenvielfalt alter und seltener Sorten.
IV) Kulturpflanzenvielfalt lebt und besteht in vielfältigen Strukturen. Eine Konzentration von Anbau, Züchtung, Vermarktung oder der Wissensweitergabe führt zur Verlust der Kulturpflanzenvielfalt.
Zitierhinweis:Andrea Heistinger 2004: Bäuerliche und Gärtnerische Pflanzenzüchtung ˆ Erhaltung durch Nutzung. Vortrag auf der Tagung ≥Agrobiodiversität entwickeln„ 4.-5. Februar 2004, Berlin.
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