Privatisierte Evolution
Privatisierte Evolution
In den letzten 10.000 Jahren sind unsere Kulturpflanzen entstanden, seit 150 Jahren gibt es die professionelle Pflanzenzüchtung, seither treibt sie die Einhegung des Gemeingutes Kulturpflanze munter voran. Gentechnik und Sorteneinfalt sollen unseren Speisezettel bestimmen. Die Alternative: Ja, es gibt sie ˆ wenn wir sie unterstützen.
Von Andrea Heistinger
Verlust der Vielfalt
Die Debatte um die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt wird vor allem aus einem Grund so intensiv geführt: Eine Vielzahl der Sorten, die von Gärtnerinnen und Gärtnern, Bäuerinnen und Bauern über die Jahrhunderte in ihren Gärten und Äckern angebaut, genutzt und vermehrt wurden, ist ausgestorben. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Einführung der Zuchtsorten der professionellen Pflanzezüchtung, Abwanderung aus der Landwirtschaft, Industrialisierung der Landwirtschaft, aber auch Kriegswirren und Naturkatastrophen haben dazu beigetragen. Genaue Zahlen und genaue Analysen gibt es nicht und kann es auch nicht geben: Eine genaue Inventur der weltweit angebauten Kulturarten und -sorten war vor 100 Jahren genauso wenig möglich, wie sie heute möglich ist. So müssen wir uns mit Schätzungen weiterhelfen und diese sind alarmierend: Laut einer Schätzung der FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations), ging in den letzten 100 Jahren ≤ der Kulturpflanzenvielfalt weltweit unwiederbringlich verloren. Bezeichnend ist, dass dies genau dem Zeitraum entspricht, in dem sich die professionelle Pflanzenzüchtung etabliert hat.
Pflanzenzüchtung als Profession
Es ist historisch gesehen noch nicht allzu lange her, dass sich ein eigener Berufszweig mit der Saatgutgewinnung und Pflanzenzüchtung beschäftigt und Saatgut nicht ausschließlich von Bäuerinnen und Bauern vermehrt wird. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts setzte in den industrialisierten Ländern eine Trennung zwischen Anbau und Züchtung von Pflanzen ein. Die Züchtung von Pflanzen wurde zu einer eigenständigen Profession. Ab der Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert bildete sich die naturwissenschaftliche Disziplin der Pflanzenzüchtung heraus. Heute ist es im Land- und Gartenbau üblich, Saatgut im Geschäft zu kaufen; bei manchen Kulturpflanzen ist die Art und Weise, wie diese vermehrt werden können unter den Bauern und Bäuerinnen scheint´s völlig in Vergessenheit geraten.
Bäuerliche und Gärtnerische Pflanzenzüchtung
Der Großteil der Kulturpflanzenarten, die wir kennen entsprießt der bäuerlichen Pflanzenzüchtung. Durch Auslese und Vermehrungsarbeit über Jahrtausende entstanden nach und nach nicht nur die einzelnen Kulturpflanzen, sondern auch ihre Vielfalt. Ein kurzer Abriss: Vor einigen tausenden Jahren haben Menschen an vielen Orten dieser Erde nutzbare Wildpflanzen erstmals in Kultur genommen. Sesshafte Menschen schufen Gärten und Äcker, in denen sie Pflanzen aussäten, pflegten, beobachteten, die schönsten Pflanzen als Samenträger auswählten und die Saat für das kommende Jahr abnahmen und aufbewahrten. Indem Menschen den Kulturpflanzen die Saat abnahmen, übernahmen sie einen Anteil ihrer Vermehrung, ihrer Reproduktion. Hiermit wird sogleich ein Wesenszug der Kulturpflanzen angesprochen: Kulturpflanzen sind an Anbau und Vermehrung durch Menschen gebunden. Erst durch das Zutun der Menschen werden Wildpflanzen zu Kulturpflanzen. Ohne das Zutun des Menschen verwildern sie wieder und verlernen teils rasch die Fähigkeit, genussfähige Pflanzenorgane auszubilden. Ein eindrückliches Beispiel ist die Kopfbildung bei den Kopfsalaten. Wird in der Auslese und Züchtung nicht fortwährend darauf geachtet, dass der Salat einen festen Kopf bildet, kann Salat diese Eigenschaften innerhalb weniger Generationen wieder verlieren.
Gemeingut Kulturpflanze: Lokal entstanden, global gewandert
Die Aussage ≥Saatgut ist Gemeingut„ ist in den letzten Jahrzehnten zur Kampfansage gegen Entwicklungen auf dem Wirtschaftssektor der Saatgutvermehrung und Pflanzenzüchtung geworden. In lokalen Dorfgemeinschaften weltweit war und ist es üblich, Saatgut untereinander weiterzugeben und auszutauschen. Sei es, weil die Lage eines Hofes eine gute Ausreife der Samen besonders gewährleistet, sei es, dass ein Bauer oder eine Gärtnerin einen besonders grünen Daumen für die Auslese und Weitervermehrung der Sorten hat. Durch das Austauschen und Weitergeben von Saatgut ˆ vom Berg ins Tal, von Dorf zu Dorf ˆ wechseln auch die Anbaustandorte und es kommt immer wieder zu einer ≥Erneuerung„ der Sorte, indem sie sich fortwährend einem neuen Standort anpassen muss. In vielen Gemeinschaften findet dieser Austausch von Saatgut nicht nur anlassbezogen oder zufällig statt, sondern in Form von eigenen Ritualen und Bräuchen.
So entstanden Sorten als lokales Gemeingut an konkreten Orten. Immer wieder gelangten Kulturpflanzen in neue Länder und Kontinente: Sei es als Mitbringsel im Hosensack, als ≥Exotikum der neu-entdeckten Welt oder im Gepäck von MigrantInnen ˆ als Anknüpfungspunkt an die eigene Kultur und Tradition. An neuen Orten unter der Einwirkung einer neuen Agrarkultur, haben die Sorten oft völlig neue Eigenschaften entwickelt. Drei Beispiele mögen dies veranschaulichen: Der Kürbis zählt zu den Kulturarten, die in Europa nach der Eroberung der Neuen Welt eingeführt wurden. Eine Form unter den Kürbissen ist der in Österreich allgemein bekannte ≠Steirische Ölkürbis‚, aus dessen schwarzen, schalenlosen Kernen das Nationalgetränk der Steiermark, das Kürbiskernöl gewonnen wird. Diese Form des Kürbis hat sich in der Steiermark als neue Kulturform entwickelt, die in den Herkunftsländern des Kürbis unbekannt war. Zweites Beispiel: Auch die Ursprungsgebiete des Paprikas liegen in der Neuen Welt. Doch einige Formen sind nicht hier zu finden, sondern ebenfalls in Europa: Die dickfleischigen, milden Gemüsepaprika entstanden in Bulgarien und Ungarn im 19. Jahrhundert. Ein drittes Beispiel: Um das Jahr 1660 gelangte Saatgut von Karfiolsorten aus Zypern nach Erfurt. Karfiol entwickelte sich in der Region zu einer der wichtigsten Gemüsekulturen. Im Jahr 1820 gab es bereits 12 verschiedene Karfiol-Lokalsorten.
Die Einhegung des Gemeingut Kulturpflanze
Saatgut ist eines von vielen Gemeingütern, die in der kapitalistischen Warenwirtschaft eingehegt und privatisiert wurden und werden. Bereits seit Beginn der professionellen Pflanzenzüchtung haben unterschiedlich weitreichende Formen der Einhegung der Allmende Kulturpflanzen stattgefunden. Schritt für Schritt ging eine Gegenseitigkeit im Umgang mit Saatgut verloren und wurden verschiedene Systeme zum Schutz vor anderen potentiellen Nutzern implementiert. Der Gärtner Christian Hiß und der Philosoph Uwe Pörksen haben diese Mechanismen treffend als ≥Privatisierung der Evolution„ bezeichnet.
Die professionelle Pflanzenzüchtung ist auf ein anderes Verständnis von Eigentum als die bäuerliche Pflanzenzüchtung angewiesen: Die Züchtung muss Gewinne abwerfen, die eigenen Sorten müssen vor dem ˆ unbezahlten ˆ Gebrauch durch andere geschützt werden. Damit werden nicht nur die auf dem Acker kultivierte Pflanzen, sondern die Sorte als solche und das Samenkorn als Träger der genetischen Eigenschaften der Sorte mit Eigentumsansprüchen belegt. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts versuchen professionelle Pflanzenzüchter und Saatgutkonzerne auf unterschiedliche Art und Weise ˆ und meist mit Erfolg ˆ Eigentumsansprüche auf Pflanzenzüchtungen zu reklamieren. Die rechtlich weitreichendste Form der Einhegung der Allmende Kulturpflanze ist die Patentierung. KritikerInnen von Patenten auf Lebewesen argumentieren, dass Patente dazu dienen würden, Erfindungen mit geistigen Eigentumsrechten zu schützen und, dass Kulturpflanzen ˆ wie alles Leben ˆ nicht erfunden, sondern nur züchterisch verändert werden können. Somit seien Lebewesen nicht patentierbar.
Patente sind jedoch nur eine Form des Schutzes von neu entwickelten Pflanzensorten. Neben diesem rechtlichen Schutzmechanismus entwickelten Firmen biologischen Schutzmechanismen. Die Hybridzüchtung ist eine dieser Mechanismen: Sie begann in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in den USA mit der Entwicklung des Hybridmaises. Seither hat sie sich auf viele andere Kulturpflanzen ausgedehnt. Für viele Saatgutfirmen sind Hybriden als ≥Einmalsorten„ ökonomisch einträglicher. Hybrid- Saatgut ist nur für den einmaligen Anbau geeignet und muss vom Kunden jährlich neu gekauft werden. Aus einer betriebswirtschaftlichen Perspektive könnte man diese Form der Pflanzenzüchtung auch als ≥Absatz-Sicherungs-Technologie„ bezeichnen. Wird eine Hybridsorte weiter vermehrt, spaltet sie in verschiedene Formen auf; die Sorte als solche ist nicht beständig. Ein weiterer Vorteil für die Firmen liegt in der quasi ubiquitären Gültigkeit dieses ≥Biologischen Sortenschutzes„. Ein rechtlicher Schutz des geistigen Eigentums (Sortenschutz, Patente) ist auf dessen gesetzliche Verankerung angewiesen, der ≥biologische Sortenschutz„ hingegen nicht.
In den vergangenen 10 Jahren hat sich die Hybridzüchtung auch bei den am Markt erhältlichen Gemüsesorten etabliert. Zur Zeit werden viele samenfeste Sorten von den Sortenlisten der EU gestrichen, der Anteil der gelisteten Hybridsorten steigt rasant. Zum Beispiel waren im Jahr 1985 204 hybride Karottensorten im gemeinsamen EG-Sortenkatalog gelistet (= 43% aller Karottensorten), im Jahr 1999 lag der Anteil bereits bei 366 Sorten und 73%. Bei Paradeisern, Paprika oder Chinakohl liegen die Anteile mittlerweile bei ca. 80%.
Eine jüngere Züchtungstechnologie, die sich in der Pipe-Line der Life-Science-Konzerne findet, ist die Züchtung von ≥Terminator-Pflanzen„, die bio- und gentechnologische Monopole über Pflanzen schaffen. Die Bezeichnung ≥Terminatortechnologie„ stammt nicht von den Saatgutkonzernen, die diese entwickelt haben, sondern von den KritikerInnen der Technologie. Mit Hilfe gentechnologischer Methoden werden Pflanzen so manipuliert, dass die Samen, welche sie ausbilden nicht mehr keimfähig sind. Die Pflanzen wachsen zwar normal, zur Zeit der Samenabreife wird ein eingeschleustes Gen aktiviert, welches die natürliche Keimfähigkeit des Samens zerstört.
Die Befreiung der Pflanzenzüchtung und Kulturpflanzenvielfalt
Die Kapitalistische Warenwirtschaft ist darauf angewiesen, dass sie immer wieder neue Lebensbereiche einhegen und zur Ware erklären kann. Auf die Kulturpflanzenzüchtung hat sich dies negativ ausgewirkt. Neben der angesprochenen ≥Privatisierung der Evolution„ hat dies auch dazu geführt, dass sich Züchtungsziele an einseitig technischen Kriterien orientieren: Zum Beispiel die Eignung der Pflanze für mechanische Erntegeräte der industrialisierten Landwirtschaft oder ihre Haltbarkeit im Regal des Supermarktes. Außer Acht gelassen wurde der Geschmack, die Ernährungsqualität der Pflanzen oder die Eigenschaft der Pflanzen, sich an regionale Bedingungen anpassen zu können (sprich ihre Eigenschaft, wiederum Samenkörner auszubilden).
Wenn ein Gemeingut eingeht werden kann, kann es von dieser Einhegung auch wieder befreit werden: Kulturpflanzen wieder als Gemeingut anzueignen, heißt, Wege zu finden, die die Züchtung der Pflanzen (wieder) als gemeinschaftlich-gesellschaftliche Aufgabe anerkennen. Meines Erachtens kann nur auf diesem Weg gewährleistet sein, dass die Vielfalt der Kulturpflanzen erhalten und weiterentwickelt wird, dass es nicht zu einer noch weitergehenden Verquickung von Pflanzenzüchtung, Agrarchemie und Pharmazie zur Warenwirtschaft der Life-Science kommt und dass Züchtungstechnologien wie Hybridzüchtung und Gentechnik von unseren Tellern verwiesen werden.
Zitierhinweis:
Andrea Heistinger 2004: Privatisierte Evolution. In: Planet. Zeitung für Politische Ökologie. Wien
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